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Die Tschechow-Leserin

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783947767076
Sprache: Deutsch
Umfang: 184 S.
Format (T/L/B): 1.6 x 21 x 13.5 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Die Protagonistin Nina, vierzig Jahre alt und russischsprachige Ukrainerin, sieht sich gezwungen, ihren kranken Mann und ihre achtzehnjährige Tochter in Kiew zurückzulassen, um in Italien Arbeit zu suchen. In der kleinen Universitätsstadt Macerata in der Region Marken betreut sie eine alte Dame namens Mariangela und verbringt ihre freien Stunden in der Bibliothek des Instituts für Slawistik, wo sie ihre Leidenschaft für Tschechows Erzählungen wiederentdeckt. Mit dem Russischprofessor Giulio De Felice, den sie in der Bibliothek kennenlernt, entwickelt sich eine intellektuelle, von gegenseitigem Respekt getragene Beziehung, die nie die Schwelle des Begehrens überschreitet. Durch ihn erhält Nina einen Einjahresvertrag als Dozentin für russische Literatur an der örtlichen Universität. Diese Arbeit leistet sie fortan zusätzlich zu ihrer Anstellung als Altenpflegerin. Der erste Teil des Romans spielt in Macerata, in Ninas Worten "ein sehr schwieriges Jahr für mich und meine Tochter, während dessen ich aber doch auch glücklich gewesen bin; glücklich jedenfalls auf eine der einfachsten und kurzlebigsten Arten, auf die man es sein kann, nämlich durch die Verherrlichung meiner selbst." Die rasche Verschlechterung des Gesundheitszustands ihres Mannes und sein plötzlicher Tod zwingen sie, nach Kiew zurückzukehren; die Beziehung zu ihrer Tochter jedoch, die ihr unverblümt den Vorwurf macht, nicht rechtzeitig am Sterbebett ihres Vaters eingetroffen zu sein, erleidet einen unheilbaren Riss. Der zweite Teil des Romans zeigt Ninas Leben acht Jahre später; nach ihrer überstürzten Rückkehr ist sie in Kiew geblieben und arbeitet mittlerweile am dortigen Institut für russische Sprache und Kultur. Um an einer Konferenz über Tschechow teilzunehmen, reist sie ein zweites Mal nach Macerata. Dieser kurze Aufenthalt in Italien nimmt jedoch eine unvorhergesehene Wendung. La lettrice di Cechov ist ein maßvoller Roman: das betrifft sowohl die Sprache, als auch die Handlung. Es ist das psychologische Porträt einer Mutter, die gezwungen ist, ihre Familie zu verlassen, um ihrer Tochter ein Universitätsstudium zu ermöglichen; einer gebildeten Frau, die sich zugunsten ihrer Liebsten für eine einfache und mühevolle Tätigkeit nicht zu schade ist. Dieses Schicksal teilt Nina mit zahlreichen in Italien lebenden Ausländerinnen, die teilweise unter illegalen Bedingungen arbeiten, was dem Roman eine traurige Aktualität verleiht. Die Erzählung ist jedoch nicht als Sozialstudie angelegt, im Gegenteil. Giulia Corsalini erschafft eine Figur ganz im Stile Tschechows, die in verhaltenem Ton über die eigenen Erfolge wie auch Verluste reflektiert; Ninas nicht ungewöhnliche, nahezu alltägliche Geschichte wird auf gedämpfte, oft melancholisch anmutende Weise erzählt. Der übersetzerische Anspruch von Corsalinis Werk ist einerseits durch das gehobene literarische Niveau des Romans gegeben, das bereits verschiedenste Literaturauszeichnungen in Italien erhalten hat; andererseits durch die bewusste Anlehnung von Sprache und Tonalität an Tschechows Erzählungen, was übersetzungstechnisch eine besondere, aber auch spannende Hürde darstellt.

Autorenportrait

Giulia Corsalini lebt in Recanati in der Region Marken. Als Universitätsdozentin und Autorin von Aufsätzen zur Literaturkritik, in denen sie sich insbesondere mit dem Werk von Giacomo Leopardi auseinandersetzt, debütierte sie im Jahr 2018 mit ihrem Roman La lettrice di Cechov beim Verlag nottetempo. Für ihren Roman erhielt sie zahlreiche Preise und Anerkennungen, unter anderem den Premio letterario internazionale Mondello, den SuperMondello, den Premio Gli Asini und den Premio nazionale di narrativa Bergamo. 2020 erschien ebenfalls bei nottetempo ihr zweiter Roman Kolja. Una storia familiare.

Leseprobe

In Italien also hatte ich vor meinem Kurs an der Universität acht Monate, von Juni bis Februar, im Haus von Mariangela gelebt, einer traurigen und pedantischen Alten, um die sich ein jüngerer Bruder kümmerte, welcher jedoch nicht bei ihr wohnte. Wenn ich heute an diese ersten Monate zurückdenke, sehe ich sie als eine Art Warteschleife, an die ich eine nur verschwommene Erinnerung habe: an Langeweile und trübsinnige Benommenheit in den Stunden neben der Alten, vermischt mit dem konstanten Hintergrundrauschen meiner fordernden Lektüren. Mir kommen jedoch auch die hellen Himmelsabschnitte bei meinen Spaziergängen entlang der Stadtmauern wieder in den Sinn, der offene, weite, klare und sommerliche Blick auf die Landschaft aus Hügeln und Bergen, und die Begeisterung, meinen lebendigen Körper zu spüren, während ich meine Freiheit wiederfand. Ich nutzte jeden freien Nachmittag, um durch die Straßen zu streifen. Mariangela wohnte in einem Stadtteil, der "Handwerkerviertel" genannt wurde und alt und recht heruntergekommen war, aber eine wunderschöne Kirche aus der romanischen Epoche besaß, dem Heiligen Kreuz geweiht, nüchtern und wuchtig, hinter der sich das weite Land erstreckte. Ich nahm die Straße jenseits der Kirche und ging bergab zwischen den Olivenbäumen und den wilden Akazien, die über die Fahrstraße ragten, oder ich stieg hinauf Richtung Zentrum, entlang der Stadtmauer über eine mit Linden gesäumte, breite Straße, die sich auf einen hügeligen Horizont von unvergleichlicher Schönheit hin öffnete. Abends war Mariangela nur mehr ein aschgrauer Schatten, im Gebet, im Profil vor dem Licht eines zum Himmel hin offenen Fensters, durch das die Schwalben schreiend beinahe hereinflogen. Ihr Bruder ging, sobald er sah, dass ich zurückkehrte. Durchs Küchenfenster drangen die Düfte des Sommers herein, Linden, Akazien, Ginster, von den Gärten und Feldern, die hinter dem Haus lagen. Die anderen Zimmer waren verschlossen und rochen scharf nach Feuchtigkeit. Aber beim Mittag- und Abendessen ließ dieses Fenster das Leben in unserer Wohnung umherschwirren. Es waren schweigsame Mahlzeiten, die Mariangela wie einen Ritus vollzog, als hätte sie zwei Seelen: Einerseits war sie konzentriert und pedantisch, als sei das Essen eine Pflicht, die es zu erfüllen galt, oder auch etwas, was ihr zustand, andererseits abwesend, dumpf, weit entfernt. Was vor dieser zweiten Seele vorüberzog oder ob dort überhaupt etwas vorüberzog und es sich nicht eher um einen Fixpunkt in der Vergangenheit oder einen gegenwärtigen Starrsinn handelte, das konnte ich in keiner Weise erahnen; manchmal waren mir die Kleinlichkeit ihrer Gesten, die Kaubewegungen ihres faltigen Mundes, das vorwurfsvolle Niederschlagen ihrer Augen unerträglich, andere Male leistete allein ihre Gegenwart mir doch Gesellschaft.

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